Dampflok Siebenbürgen Fotos, Zeichnungen und Erlebnisberichte vom Künstler Arnold Müll
Dampflok SiebenbürgenFotos, Zeichnungen und Erlebnisberichte vom Künstler Arnold Müll

Ein Bahnhofsdach und ein Storchenpaar
Reiseskizze aus Rumänien   (Juli 1974) 

Das Wetter hatte sich zum Bessern entschieden. Eine freundliche Sonne sandte ihr wärmendes Licht über eine noch taufrische grüne Landschaft, die an jene der Bayerischen Voralpen erinnerte und in der die trunkenen Augen mit sichtlichem Vergnügen hügelauf und hügelab wanderten, bis diese an jene im Sonnenlicht verblauende Schattenmauer stießen, deren Existenz man bis dahin  einfach rundweg verweigerte. Einer gewaltigen Barrriere gleich stand im Silberlicht des Mittags, das mächtige Band der Transilvanischen Alpenkette. Wir Zwei warteten auf einer kleinen Bahnstation inmitten Rumäniens, Podul Olt hat sie geheißen, am westlichen Rand der Fogarascher Hochebene gelegen, auf unseren Schnellzug Sibiu (Hermannstadt)- Bukarest. Das niedrige Stationsgebäude, in dessen schmalem Schatten eine Schar von einheimischem Landvolk  lagerte, sowie einigen städtisch Bekleideten wartend auf Bänken herumsaßen, machten gemeinsam einen langweilig- schläfrigen Eindruck. Die leeren warmen Gleise streckten sich und dösten geradezu mit Wohlbehagen in dieser ländlichen Stille. Schwalben flogen hoch oben zwitschernd ihre kurvigen Bahnen. Da bis zum Eintreffen unseres Zuges eine Frist von 1 h lag, gingen wir abseits von Schienen und Damm in die uns umgebende Flur. Ein Feldweg führte uns zu einem pflügenden Bauernpaar. Er, ein freundlicher Rumäne, bearbeitete mit seinen beiden vorgespannten Büffeln ein Maisfeld, während seine Frau mit einem großen Strohut bedeckt, bedächtig das gelockerte Unkraut entfernte. Beide machten eine kurze Rast. Unser Gespräch drehte sich um Wetter, Land und Leute.

Dabei hörten uns die beiden schwarzen Gesellen mit ihren großen Augen geduldig zu. Ein Storch glitt langsamen Schwebefluges in niedriger Höhe direkt über uns hinweg in Richtung Bahnstation. Dieses war das Zeichen zum Aufbruch aus diesen ländlichen Gefilden. Der Storch drehte eine elegante Schleife und setzte sich anschließend auf das Bahnhofsdach. Das ermunterte uns, unsere Schritte zu beschleunigen. Ein Rollen kündigte das Sichnähern eines Zuges an. Der Güterzug mit einer graublauroten Diesellok 060- DA polterte ohne Halt durch diese Mini-Station. Er kam vom Rotenturmpass und verschwand in Richtung Hermannstadt. Zwischen den Güterwagen befand sich auch eine alte deutsche G 10, rum. Reihe 50, mit knallrotem Triebwerk. Ein zweiter Storch segelte heran. Mit Geklapper wurde er ebenfalls auf dem Bahnhofsdach, begrüßt. Da gabs kein großes Überlegen mehr, hier war eine Aufnahme fällig ! Kurz entschlossen überschritten wir Beide das erste Gleis um unserem Gedanken die Tat folgen zu lassen. Das im Schatten lagernde Reisevolk sah uns gelassen zu, bis auf einen Mann, einem Stadtmenschen, der sich aus jener Gruppe löste. Dieser "Herr" nun, näherte sich, kam langsamen Schrittes auf uns zu und blieb vor unsern etwas verdutzten Gesichtern stehen. Er machte große fragende Augen und sagte Folgendes in ruhig verhaltenem Ton: wissen sie meine Herren was sie da eben eigentlich gemacht haben? Große Augen und fragende Blicke unserseits. Ehe wir etwas erwidern konten, nochmals die gleiche aber dringende Frage: ja wissen sie denn wirklich nicht was das heißt, hier auf diesem Gelände solche Sachen zu bewerkstelligen? Darauf mein Neffe,der s ehr gut rumänisch spricht: doch doch, das heißt natürlich nein- wir wissen es wirklich nicht! mein Onkel will die beiden Störche da oben fotografieren !-  Gewandt entgegnete dieser: aber meine Herren, diese Vögel können sie doch auf Feldern und Dörfern, sogar mit ihren Nestern auf Dächern auf den Film bringen.

Aber das wir Schienen, Bahnhöfe und Störche gemeinsam auf  "einem" Bild haben wollten- ja wie sollten wir diese für uns harmlose Idee, die mir aber wichtig genug schien, dem guten Mann glaubhaft machen? Wir hatten den kaum verklungenen Satz noch recht gut im Ohr: wie? fotografieren und auf diesem Gelände? Diese Worte standen recht verdächtig im Raum- wir wurden hellhörig. Diese Storchgeschichte begann sich tatsächlich zu einem Problem auszuweiten. Unsere sorgenfreie Fotoabsicht stieß mit dem berechtigten Sicherheitsbedürfnis der Rumänischen Staatsbahn (CFR) hier auf diesem Boden, wo die Hühner über die beiden einzigen Gleise hin und her spazierten auf recht unangenehme Weise hart aneinander. Es fehlte ja auch nicht an Warnungen bevor wir diese Fotofahrt antraten- denn man wisse nie genau wie in diesem Land die Hasen laufen würden. Unser gut gekleideter Reisende sprach unterdessen weiter auf uns ein um unsere noch immer ungläubigen Mienen zu überzeugen, daß das fotografieren dieser Storchvögel auf "diesem"  Dach da, keineswegs eine einfache Angelegenheit sei- denn dieses Dach sei, für jedermann ersichtlich, natürlich das Dach eines Bahnhofsgeländes und dieser Umstand würde die Sache von grundauf ändern. Diese "Sache" gefiel uns schon lange nicht mehr, sie wurde immer unbehaglicher und wir brauchten viel Luft zum Durchatmen. Ob wir denn nicht wüssten, daß ein Dekret vom Eisenbahnministerium in Bukarest besteht, in dem verordnet wird, daß das Fotografieren sämtlicher eisenbahntechnischer Anlagen, ob stationär oder mobil unbedingt zu unterlassen sei?- ja das Zuwiderhandlungen strengstens bestraft würden? Uns beiden blieb nun wirklich für einen Moment die Luft weg, nun begriffen wir den vollen Ernst unserer Lage. Dieses alles bekamen wir von unserm Herrn mit großem Nachdruck vorgetragen und er, der uns offenbar gut gesonnen war, sagte noch bevor er sich verabschiedete und hinüber zu den Wartenden ging:

sie können Gott danken, daß ihr Tun nicht von Soldaten, dem Stationsvorsteher oder gar der Miliz bemerkt wurde. Sie alle, sogar die Bevölkerung, haben die Befugnis je nach Lust und Laune unser Schiksal in die Hand zu nehmen um uns aus der "fragwürdigen" und "vermeintlichen" Storchgeschichte einen ganz schönen Strick zu drehen. Wir erschraken. Diese Wendung hatten wir nicht vermutet, das war zu viel- wir bekamen bleiche Gesichter und jetzt wussten wir wie hier die Hasen laufen.Nur schnell weg von diesem Ort,dieser unbedeutenden aber für uns nun doch so verhängnisvoll gewordenen Bahnstation. Die Luft war für uns ganz stickig geworden. Endlich kam der Bukarester Schnellzug, geführt von einer blitzblanken P8, rum. Reihe  230. Schnell, schnell nur schnell hinein in das Zuggedränge. Auch unsere beiden Störche strichen ab und suchten das Weite. Diese Episode stand am Beginn einer Fotosafari durch Rumänien. Sie sollte im weiteren Reiseverlauf nicht ohne Wirkung bleiben. Was die Verhältnisse in dieser Beziehung anbelangt, so haben sich diese mit Sicherheit nicht gelockert, wahrscheinlich muß man mit dem Gegenteil rechnen.