Dampflok Siebenbürgen Fotos, Zeichnungen und Erlebnisberichte vom Künstler Arnold Müll
Dampflok SiebenbürgenFotos, Zeichnungen und Erlebnisberichte vom Künstler Arnold Müll

Eine Eisenbahn-Büffel-Safari in Siebenbürgen (Rumänien) im Aug./Sept.1968

Diese Geschichte, die auch für Eisenbahnfreunde nicht uninteressant sein dürfte und da der Verfasser auch annehmen darf, daß diese schwarzen Gesellen für manchen Leser hier im Westen nicht geläufige Geschöpfe dar-stellen, dürfte es sich lohnen, die nachstehenden Zeilen zu lesen. Diese kombinierte Fotofahrt-, Eisenbahn+Büffel, zeigte sich schwieriger als anfänglich angenommen, sie beanspruchte mehrere Tage. Zuerst galt es die Büffelherde wieder zu finden, die bei der Einfahrt in das Siebenbürgische Hochland vom Zuge aus gesichtet wurde. Es war dies eine Riesenfläche, an deren äußerstem nördlichen Rand ein dünner langgezogener, schwarzer Streifen sichtbar wurde. Das war die vermutete Büffelherde die dort graste und die wir suchten. Es galt nun zu erkunden, woher diese Herde kam, welchen Weg sie nahm, wann und wo die Überquerung dieses Bahnkörpers auf dem wir eben standen, erfolgte. Wir konnten in Erfahrung bringen, daß dieses jeden Tag in der Morgendämmerung geschehe. Der Übergang sei schrankenlos, nur mit gelbrotem Balkenkreuz gekennzeichnet und er sei einige  Kilometer westwärts- man könne ihn an seinen " Büffelspuren " nicht verfehlen. Erster Tag. Der eingleisige Schienenstrang hier, ist endlos verschweißt, auf Betonschwellen verlegt und er ist nun eine internationale Schnellzugstrecke geworden, die vor nicht allzulanger Zeit (bis ca.1940) noch eine Nebenbahn war. Heute nun, donnern lange Fernzüge z.B. der " Orient- Express ", der " Wiener-Walzer " und auch der " Bukarest-Budapest-Express " über diese Schienen. Außerdem wird diese Linie zwischen Hermannstadt und Kronstadt, sie ist rund 150 km lang, von vielen Güter- und einigen Personenzügen belegt.

Der interessierte Leser beginnt spätestes jetzt zu ahnen, daß diese Geschichte " Eisenbahn+Büffel " nicht ohne Probleme behaftet ist. Mein Bruder (am 3-ten Tag auch meine Nichte) wollten anfangs ja auch  von dieser " absurden " Idee nichts wissen. Natürlich machte ich an diesem ersten Tag auch Büffelaufnahmen. Diese gelangen auch wider Erwarten gut- doch aus der Idee Eisenbahn+Dampf  und Büffel, die mir ja besonders am Herzen lag, wurde nichts. Die Büffel spielten nicht mit. Zwischen Bahndamm und Herde klaffte ein zu breiter Abstand. Alle Bemühungen, die Herde aus ihrem Gewohnheitsritual herauszubringen und in die Nähe der Eisenbahnlinie zu buxieren,scheiterten. Die ganzen Anstrengungen der drei Hirten (es winkte ihnen ja ein gutes Bakschisch), endeten kläglich in diesem störrischen Verhalten der unwillig knörrenden Tiere. Da half kein Zureden, auch die schwere Büffelpeitsche brachte keinen " durchschlagenden"  Erfolg. Die Hirten und auch wir gaben uns schließlich geschlagen und das Unternehmen mußte abgeblasen werden. Es galt eine neue Strategie zu erwägen. Unterdessen brauste fernab von uns, der " Dieselorient" am Südrand dieses großen Geländes vorüber, dem fernen Bukarest entgegen. Auch der Hermannstädter Personenzug enttäuschte uns. Schon wieder nur eine Diesellok als Traktion! Mißmutig verließen wir für heute diese Stätte. Herbstlüfte strichen über das Hochland. Die Sonne und die Fogarascher Berge (auch Transilvanische Alpenkette genannt) blieben unsichtbar. Mit einem Anhalter fuhren wir wieder heimwärts. Zweiter Tag. Es war noch finstre, kühle Nacht, Sterne flammten am Himmel. Die Turmuhr schlug 4 Uhr 30 Min. Wir zwei standen am Straßenrand als Anhalter und warteten auf eine Fahrgelegenheit. Um diese Zeit gab es weder eine Zug- noch eine Busverbindu

Es dauerte nicht lange da kam auch schon ein " Brummer ". Der Tiefkühllaster hielt. Jawohl! hörte man von drinnen- bei mir sind sie richtig! bitte  steigen sie ein, hier ist noch  viel Platz! Im dröhnenden Dahinsausen auf Rumäniens Fernstraße Nr. 1 erreichten wir nach einer guten Stunde die bewusste Stelle wo wir gedachten auszusteigen. Wir deuteten dem Fernfahrer an, hier zu halten. Wollen sie schon hier heraus- das Dorf liegt doch etliche km weiter voraus? Soviel ich weis ist hier in der Nähe ein Büffelübergang ! Ja, ja, genau diesen suchen wir! Wir dankten, zahlten und stiegen aus. Der Mann am Steuer schaute uns verständnislos an, kopfschüttelnd gab er Gas und fuhr mit aufheulendem Motor westwärts in den beginnenden Tag. Es war merklich kühl und der noch schläfrige Morgen stieg aus breiten Nebeldünsten langsam und träge herauf. Ein Hundegebell aus dem nächsten Dorf- sonst Stille über diesem brachliegenden weiten Land. Von Büffeln war nichts zu sehen. Die blaue Bergkette der " Fogarascher " blieb ebenfalls unsichtbar. Da waren wir nun wieder an diesem neuralgischen Schienenübergang den vorwiegend Büffel benutzen. Diese 175 indischen Wasserbüffel die diese Herde bildeten (die Türken brachten seinerzeit das schwarze Büffelgetier bis Südosteuropa), mußten nun in einer Zeit- und Zuglücke den Schienenstrang hier passieren. Für das Manöver beanspruchte die Herde nur wenig Zeit, da die Tiere den Weg genau kannten. Dennoch durften keinerlei weittragenden Unregelmäßigkeiten seitens Herde und Bahn eintreten oder auch einfach nur so hingenommen werden. Hier hieß es schon: " Holzauge sei wachsam ". Es ist bezeichnend für die Verantwortlichen, daß beim noch nicht voll ausgebauten Signalwesen der Rumänischen  Bahnen (bei ungezählten, auch bei Hauptstrecken, ungeschützten Bahnübergängen z.B. wie auch hier) noch kein größeres Unglück bekannt wurde.

Hier hatten wir nun Zeit und konnten uns ausgiebig die Beine vertreten. Dabei betraten wir nacheinander drei hier nebeneinander einherlaufende Straßen. Die erste war der internationale eiserne Schienenstrang der CFR, dann folgte die geteerte Europastraße, Rumäniens Verkehrsader  Nr.1 und schließlich der rund 15 m breite, wellenförmige " Büffelsteg ", nach uraltem Herdengesetz in ein rhythmisches Auf- und Ab, quer zur Marschrichtung, getreten. In diese, unsere Betrachtungen drang ein heller Pfiff, ein Zug näherte sich. Schrankenlos durchrollte ein Dieselgüterzug unsern Büffelübergang und verschwand in Richtung Hermannstadt. Ein Gang die leicht geneigte Treppenstraße aufwärts, die für Büffel das ideale Schrittmaß darstellte, belehrte uns, daß am nicht zu fernen Dorfrand Leben einsetzte. Die Morgenluft brachte uns wohlbekannte Laute und Geräusche an unsere Ohren, die Herde wurde in Marsch gesetzt- die Büffel, unsere Eisenbahnstatisten, sie kamen. Diesmal begleitete sie keine Staubwolke, wie ich dies in meiner Kindheit oft erlebte, zu viel hatte es in diesen Wochen hier im Hochland geregnet. Schnell näherte sich der hungrige Trieb, vorneweg mit zwei ihrer Betreuer. Auf ihrer eigenen Spur, eingehüllt in den Dunst ihrer Artgenossen, schnaubend und grunzend erreichten sie bald ihren gewohnten Übergang. Hastig und voller Hunger, mit zum Teil gesenkten Köpfen, stampften und stolperten sie dichtgedrängt über Straße und Schiene, um jenseits des Dammes so rasch wie möglich auf die hier beginnende Weide zu gelangen, die sich weit hinaus bis zum Altfluß erstreckt.D iese mit Moor und Schlick,mit Schilf und Weidenwuchs durchsetzte Landschaft, hat sicher viel Verwandtes mit jener ihrer indischen Heimat zu tun. Als Nachhut der Herde folgten noch zwei Hirten.

Diesen vier Begleitern, ohne jedwedes Hundegezottel, fiel nun die Aufgabe zu und sie war keine geringe, die Herde möglichst nahe und so lang am Bahndamm zurückzuhalten, bis der " Orient" hier vorbeidonnerte. Dies hatten wir tags zuvor vereinbart. Wir konnten jetzt nur hoffen, daß diese " Begegnung" sich in einigermaßen " geregelten" Bahnen abspielen möge. Zuvor hier noch einige Bemerkungen über Verhaltensweisen dieser stämmigen Tiere mit dem krokodilhaften nach hinten fluchtenden Kopf  und dem quergerippten Säbelgehörn. Trotz Körperfülle sind diese fremdartigen Vierbeiner sehr temperatur- empfindlich. Bei Kälte wollen sie Stallwärme, bei Hitze suchen sie das  Wasser, sie baden gerne. Die Bewegungen sind behäbig, können aber enorm flink sein und gute Renner sind sie obendrein. Und dieses besonders dann, wenn daheim ein junges Kälbchen im Stalle steht. Im gewaltigen Galopp bringt die Büffelmutter die oft kilometerlange Wegstrecke von der täglichen Weide bis zu ihrem Stall in kürzester Zeit hinter sich, um schweißüberströmt ins heimatliche Gehöft hinein zu donnern, ich kenne das noch- wehe wenn sich jemand einer solch aufgebrachten Mutter in die Quere stellt, da gibt es nur eins: hinweg und schleunigste Flucht ! Es grasten nun 175 Büffel mit mahlendem Geräusch ihrer hin- und her gehenden Kiefer- ein Bild ausgeglichener, friedfertiger Ruhe. Sie verrieten aber auch hintergründige, sich blitzschnell entladende Kraft. Heute stand über der Herde ein herbstlicher Wolkenhimmel mit nur kümmerlicher Sonne, es versprach nicht warm zu werden. Und dann hörte man schon von fern den von uns lang erwarteten Orient- Express. In donnernder Flucht stob die eiserne Schlange an den seelenruhig weidenden Büffeln vorüber. Kein Erschrecken der Tiere, auch keine feindselige Reaktion ob dieses ungewohnten Vorganges. Denn die Büffel vernahmen in der Regel dieses pfeifendlärmende Tosen doch immer nur aus gesicherter Ferne.

Umsomehr waren wir über das Ausbleiben eines kopflosen Ausbrechens der Herde überrascht, auch die Hirten atmeten erleichtert auf- sie hatten ihr Bakschisch redlich verdient. Die am Bahndamm eisern gehaltenen Tiere drängten nun mit Macht aus ihrer Umklammerung und sie zogen sogleich grasend gegen Norden. Über Erfahrungen die die Betreuer mit Büffeln im Laufe der Jahre machten, muß hier noch Einiges gesagt werden. Da ist z.B. die Rede von kampfesmutigem Anbrüllen von Eisenbahnzügen,Angreifen von ihnen nicht angenehmen Menschen oder Tieren, sowie die Verteidigung ihrer Artgenossen und der ihnen angestammten Weideplätzen. Auch wir wurden am heutigen Tag mit bösartigem Greinen von zwei dieser schwarzen Ritter direkt frontal angenommen und nur die wuchtigen Hiebe der schweren Büffelpeitsche von einem herbeistürmenden Hirten konnte Schlimmeres verhindern. Der Schreck der uns über den Rücken in die Beine fuhr, nahm uns jegliche Lust an unsern weiteren Vorhaben und wir brachen die Arbeit ab. Dritter Tag. Wiederum befanden wir uns auf diesem naturhaft wildschönen Gelände der sich hier zu Hause fühlenden Büffel, flankiert vom eingleisigen Schienenband der CFR. Ein blassblauer Morgenhimmel wölbte sich hoch und hell über dieses weite Land. Und dann kam die lang erwartete Herde. Die von den trefflichen, Tags zuvor besonders gut instruierten Bewacher, hielten mit machtvoller Befehlsgewalt die Herde am nordseitigen Schienendamm gebieterisch im Schach. Auf knörrende Ausbrecher setzte es wohlgezielte Peitschenhiebe bis sich dann auch diese beruhigt ihrem Schicksal ergaben um allesamt im taufrischen Morgen zu grasen. Ein fernes, sich langsam verstärkendes Dampfsirenengeheul brachte der Morgenwind über die emsig weidende Herde. Dann brauste unser Kronstädter Frühzug mit der guten alten deutschen P8 (230- er Reihe der CFR) und sieben D-Zug Wagen mit nicht überhörbarem Spektakel an uns vorüber, Richtung Hermannstadt.

Ja,und die Büffel? frägt sich der nun schon kundige Leser? Nichts! Kein donnernder Lärm konnte die freßhungrigen Tiere abhalten- sie hoben nichteinmal die Köpfe !Alles dieß vollzog sich " planvoll" und nach " vollendeter Regie" .Wieder einmal gingen unsere Befürchtungen nicht in Erfüllung. Die Hirten konnten mit ihrer Arbeit und mit diesen oft so sanft- und demutsvoll dreinschauenden indischen Vierbeinern recht zufrieden sein. Wir waren ebenfalls für dieses Erlebnis sehr dankbar. Später standen und lagen die schwarzen Wiederkäuer träge in der heißen Sonne. Sie wurden von einem Stargeschwader in Kunstflügen umkurvt, das sie auch als Insektenvertilger willig duldeten. Eine Goldhammer sang vom Weidenbusch ihr zeitlos wehmütiges Liedchen von sonnentrunkener Einsamkeit. Heiße Wärmewellen fluteten über das nun müde sich hinstreckende Land. Im Süden verblaute der alpine Kamm der " Fogarascher". Hoch im Zenit stand nun der Feuerball und sandte unentwegt glühende Garben über Mensch und Tier, über die bereits hitzegeplagte Natur. Die wärmegewohnten Büffel wurden langsam unruhig, Bewegung kam in die Herde. Die westlichsten Tiere, bereits weit voraus- schreitend, witterten mit ihren nassen großen Nüstern das ferne Wasser. Die Hirten und wir schlossen sich dem allgemeinen Aufbruch an. Nach etwa halbstündiger Wanderung über Weidewiesen und Moorgelände erreichten wir den Büffelteich in den dann mit schnaufenden Gebärden ein Tier nach dem andern in des Wassers kühlende Flut, hineinstiegen. Hier nun, die meisten bis zum Krokodilschädel eingetaucht, waren sie der " Friede" selbst. Ihre kauend- mahlende behäbige Gelassenheit verriet vollkommene kühlende Entspannung. Diese verbreitete sich im Nu über das sich mit glänzend- schwarzen,dicht gedrängten Leibern füllende brakige Gewässer.

Etliche der massigen Gesellen die an des Teiches Rand kauend herumstanden, rundeten diese urweltliche Szene ab. Einer der Hirten ließ sich am Ufer des Büffelteiches nieder. Er aß sein karges Mittagessen und schlief sogleich ein. Der schlafende Wächter nun, mit seiner friedfertig badenden Herde, eingebettet in diese weiträumige herbe Landschaft von biblischem Charakter, dies alles empfanden wir wie ein längst vergangener Traum der hier nun in der Tat lebendig vor uns stand. Märchen und Sagen aus fernen geschichtsträchtigen Tagen durchschwebten Zeit und Raum- und eben überschritt Pan mit seiner Flöte diese Gefilde. Ein ferner Pfiff, ein fernes Rollen, ein sich nähernder Zug. Wir wurden wieder zurückgerufen aus jener heilen Welt, in der wir für einige Zeit verweilen durften. Gedankenverloren und braungebrannt mußten wir diese beglückende Abgeschiedenheit verlassen, unsere Zeit hier war bemessen, der Urlaub war zu Ende. Nur zögernden Schrittes zogen wir von dannen und strebten der weit hinten im Sonnenglast zitterden Bahnstation zu. Mit dem Kronstädter Personenzug, bespannt mit zwei Dampfloks der 230- er Reihe, fuhren wir mit Volldampf über den Perschaner Höhenzug unserer Burzenländer Heimatgemeinde Zeiden entgegen.